La Réunion

Wie es begann: Der erste Besuch

Vor 1½ Jahren wurde der Weg bereitet für den Aufbau eines neuen Austausch- programms mit Frankreich. Durch glückliche Umstände begleitet knüpfte ich die ersten Kontakte mit der Schulleitung des Lycée Stella in St. Leu auf der zu Frankreich gehörenden Insel La Réunion im Indischen Ozean. Ein zunächst angedachter Schüleraustausch nahm in den darauf folgenden Monaten immer konkretere Formen an. Dank meines engagierten Deutschkollegen am dortigen Gymnasium sowie eines Freundeskreises, der speziell Austauschprogramme mit Deutschland fördert, konnten wir in die endgültige Planungsphase für diese erste Austauschmaßnahme treten. Zweifel und Bedenken ob der großen Entfernung und den damit verbundenen hohen Kosten mussten nach und nach ausgeräumt werden. Dennoch: letztlich waren sich alle – Schulleitung, Fachkollegen, Eltern – einig: dieses Austauschprojekt bietet unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, einmalige Erfahrungen zu sammeln, die über das Erlernen und die Anwendung einer lebenden Fremdsprache weit hinausgehen.

Schon der Besuch unserer französischen Freunde im Oktober/November 2004 war im Sinne des „Austauschgeistes“ ein voller Erfolg. Der dreiwöchige Aufenthalt bei uns im „kalten Norden“ erwies sich als gewinnbringend für alle Beteiligten. Selten habe ich erlebt, dass eine 44-köpfige Gruppe einen derartigen Gemeinschaftssinn entwickelte, getragen von Harmonie und guter Stimmung. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst unserer teilnehmenden Schülerinnen und Schüler, die sich als „jahrgangsübergreifend teamfähig und initiativ“ erwiesen haben.

Auch die französischen Begleitlehrkräfte haben sich nach eigenem Bekunden jederzeit wohl gefühlt. Ausländische Kolleginnen und Kollegen warmherzig zu empfangen, ihnen aufgeschlossen und interessiert zu begegnen – das sind nicht zu unterschätzende Stärken utnseres Kollegiums.

Die Zeit bis zu unserem Gegenbesuch im März/April diesen Jahres nutzten wir, um auf Schulveranstaltungen aller Art für unseren Austausch zu werben und durch Verkauf von Getränken und belegten Schnittchen die Kosten für „die große Reise ans andere Ende der Welt“ zu senken. Der Erlös durch unseren Glühweinstand vor der Buchhandlung Schopf während der Vorweihnachtszeit sowie die Unterstützung durch Sponsoren und unseren Förderverein trugen dazu bei, dass die finanzielle Belastung für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer erträglich blieb. Anzumerken ist die Tatsache, dass die vielen gemeinsamen Aktionen zum „fundraising“ das Zusammengehörigkeitsgefühl der Austauschgruppe nachhaltig stärkten.

Dann war es endlich soweit: am 24.3.05 verabschiedeten wir Eltern und Freunde am Hamburger Flughafen, um uns auf die 11000 km lange Reise zu machen. Was erwartete uns? Auch wir – die begleitenden Lehrkräfte – hatten im Grunde genommen in diesem Fall keinen Wissensvorsprung. Alles, was wir über die Insel wussten, stammte aus Reiseführern, dem Internet oder aus e-mails unserer französischen Kollegen.

Unsere Erwartungen sollten mehr als erfüllt werden: La Réunion ist von einer atemberaubenden Schönheit, facettenreich und mit Worten eigentlich kaum zu beschreiben. Abgesehen von gleichbleibend hohen Temperaturen (28-30 Grad) und einer gewöhnungsbedürftigen hohen Luftfeuchtigkeit bietet die Insel zwischen Madagaskar und Mauritius für jeden etwas: Meer, Korallen, Gebirgszüge, Vulkane, nahezu unzugängliche Talkessel, tropische Früchte und vieles mehr.

Die Vielfalt der Kulturen und ihrer Riten haben ebenfalls einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen. Ethnische Gruppen mit unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründen leben friedvoll nebeneinander. Toleranz und Akzeptanz, Familiensinn und Gastfreundschaft werden gelebt.

In den drei Wochen haben wir ein umfangreiches Programm absolviert, Ausflüge und Teilnahme am Unterricht hielten sich die Waage.

Fazit: Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler unserer 10.-13. Jahrgangsstufen haben einen Austausch der besonderen Art erleben dürfen. Viele werden versuchen, gewonnene Freundschaften zu festigen, indem sie erneute Besuche planen oder zumindest in e-mail-Kontakt bleiben.

Ein dreiwöchiges Austauschprogramm ermöglicht es den Beteiligten, über eine Eingewöhnungsphase von 7-10 Tagen hinaus fremdsprachlich stärker zu profitieren.

Der Austausch mit dem Lycée Stella bietet unseren Schülerinnen und Schülern die einmalige Gelegenheit, kulturelle Andersartigkeit hautnah zu erleben und zu erfahren.

Der nächste Austausch ist bereits ins Auge gefasst: im Herbst 2006 wird eine Gruppe unseres Gymnasiums die weite Reise (bis fast) an den südlichen Wendekreis antreten. Der Gegenbesuch der französischen Gruppe ist für das Frühjahr 2007 geplant.

Peter Rohlf, StR

Der 2. Besuch:

Unser Schüleraustausch mit La Réunion: Interkulturelles Lernen
Unsere zweite Austauschmaßnahme mit dem Lycée Polyvalent de Stella in Saint-Leu auf La Réunion fand vom 06.10.-25.10.06 statt. 18 Schülerinnen und Schüler der 10.-12. Jahrgänge nahmen an der Begegnung teil.

Das von meinem französischen Kollegen Christophe Bois und mir zugrunde gelegte Projekt wurde Mitte des Jahres dahingehend modifiziert, dass wir den Schwerpunkt auf das Thema „Zuckerrohr“ legten.

Dieser Aspekt ist eng verknüpft mit der Geschichte der Insel, da er unmittelbar die Zeit des Sklavenhandels berührt.

Die Begegnung wurde, wie im Jahre 2005 im Rahmen des ersten Austausches, unterrichtlich und außerunterrichtlich vorbereitet. Wie im Jahr zuvor habe ich mit der Austauschgruppe durch verschiedene Aktivitäten zum „fundraising“ versucht, die Kosten für die einzelnen Teilnehmer im erträglichen Rahmen zu halten: Flohmärkte, Kuchenverkauf bei Elternsprechtagen, Inventur bei ortsansässigen Firmen etc. ermöglichten uns, eine beträchtliche Summe für die „Austauschkasse“ zu erwirtschaften. Dieses Geld verwendeten wir vornehmlich für den Gegenbesuch unserer französischen Freunde im Mai 2007.

Der Aufenthalt auf La Réunion war dieses Mal erneut durch ein ausgewogenes Programm gekennzeichnet: Neben Unterrichtsbesuchen mit ihren „correspondants“ und Ausflügen mit ihren Gastfamilien nahmen die Teilnehmer an zahlreichen gemeinsamen Exkursionen teil: nach einer „visite guidée“ des Musée de Stella (Geschichte des Zuckerrohrs) hatten wir die Möglichkeit, eine der beiden verbleibenden Zuckerfabriken auf der Insel zu besichtigen und uns über die Herstellung von Zucker und Rum zu informieren. Es wurde allen deutlich, wo die Vorteile des Zuckerrohrs gegenüber der bei uns heimischen Zuckerrübe liegen.

Im Rahmen des Projektthemas besichtigten wir auch das Musée de Villèle, welches im 18. und 19. Jahrhundert einer Großgrundbesitzerfamilie als Herrenhaus diente. Auch hier wurde die Zeit des „esclavage“ und der „canne à sucre“ durch eine hervorragende Führung veranschaulicht.

Am vorletzten Tag erhielten unsere Schülerinnen und Schüler eine „initiation au moringue“, einem für die Sklavenzeit typischen Kampftanz, der durch die Maloya-Musik begleitet wird.

Einige Programmpunkte sind mittlerweile zu Fixpunkten während unseres Aufenthaltes geworden. Dazu gehört die Wanderung im Mafate, einem abgelegenen Talkessel, der nur zu Fuß erreichbar ist. Außerdem sollte die Wanderung zum Vulkan Piton de la Fournaise sich zu einem Höhepunkt des Austausches entwickeln. Wir hatten das große Glück, dass zu der Zeit etwas Schnee auf dem Vulkan lag (was alle 5 Jahre einmal vorkommt). Zudem konnten wir die Eruptionen eines kleineren Kraters miterleben.

Die ethnische Vielfalt auf der Insel wurde den Schülerinnen und Schülern u.a. dadurch veranschaulicht, dass sie eine Führung durch einen hinduistischen Tempel und auch durch eine chinesische Pagode erhielten.

Ein offizieller Empfang im Rathaus von Saint-Leu unterstrich, dass nicht nur die Schule großes Interesse an diesem Austausch bekundet, sondern auch die Stadtvertreter ihre Unterstützung zusicherten.

Fazit:
Der zweite Austausch mit unserer Partnerschule auf La Réunion ist für alle Beteiligten von unschätzbarem Wert gewesen. Die Gründe dafür sind zahlreich:

Die Teilnahme von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen (Klassen 10-12) ist bereichernd für alle Beteiligten
Eine lange Vorlaufzeit ermöglicht die Durchführung verschiedener gemeinsamer Aktivitäten, die die Kosten für die Austauschmaßnahme reduzieren; der Kostenfaktor ist ein wesentliches Argument für die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme am Austausch
Die gemeinsamen Aktionen zum „fundraising“ schweißen die Gruppe nachhaltig zusammen
Unsere Schülerinnen und Schüler waren z.T. ganz unterschiedlich untergebracht. Sie mussten sich auf völlig andere Gegebenheiten einstellen. Anpassungsbereitschaft, Hinterfragung des eigenen Anspruchdenkens aber auch Durchhaltevermögen in vermeintlich schwierigen Situationen sind Eigenschaften, die bei einigen Schülerinnen und Schülern in unterschiedlichem Maße gefordert waren. Die Erfahrung eigener Toleranzschwellen ist ein nicht zu unterschätzender Effekt, der auch für spätere Lebensphasen gewinnbringend sein kann. (vgl. Schülerbericht)
Die Dauer des Austausches (fast 3 Wochen) ermöglicht es unseren Schülerinnen und Schülern, sprachlich stärker zu profitieren, da sie über die Eingewöhnungsphase (ca. 7-10 Tage) hinaus in der Fremdsprache eine größere Sicherheit gewinnen und mehr Vertrauen in ihre fremdsprachlichen Fähigkeiten entwickeln.
Weiterhin werden wir Kontakte zu benachbarten Collèges pflegen und unseren Schülerinnen und Schülern bereits ab Klasse 7 (Anfangsunterricht) die Möglichkeit geben, ihre Kenntnisse im Rahmen von e-mail-Freundschaften anzuwenden. Nur so bleibt Französisch für unsere Lerner „lebendig“ im hohen Norden Deutschlands.
Die Zusammenarbeit mit meinem französischen Kollegen hat erneut sehr gut funktioniert. Es hat sich zwischen uns eine Freundschaft entwickelt, auf deren Basis weitere Austauschmaßnahmen problemlos folgen werden.
Peter Rohlf, OStR

Der 3. Besuch

Unser Austausch mit Frankreich – oder doch nicht Frankreich?

Der Titel entspringt einiger „loser“ Gedanken, die ich mir während unseres und meines dritten Besuchs an unserer Partnerschule in St-Leu auf La Réunion notierte. An einem Samstagnachmittag bei meiner „Gastfamilie“, einem sehr netten und aufgeschlossenen Lehrerehepaar mit zwei Kindern, befragte ich mich nach den Besonderheiten gerade dieses Austauschprogramms. Worin liegen die Unterschiede zu anderen Austauschprogrammen, die ich in den letzten Jahren begleitet habe? Warum ist eine Begegnung mit Schülern eines Collège im Elsass nicht zu vergleichen mit unserem Réunion-Austausch? Welche Anforderungen muss ich als Austauschschüler/in eigentlich erfüllen?

Im Folgenden werde ich keinen Bericht erstatten über das wieder einmal sehr abwechslungsreiche Programm, das mein Kollege Christophe Bois für unsere Gruppe auf die Beine gestellt hatte. Vielmehr möchte ich allgemeine Gedanken und Beobachtungen zum Austausch schildern, da sie für kommende BewerberInnen von Nutzen sein können.

• Die Unterbringung erfolgt traditionell in Gastfamilien. Sie unterscheiden sich z.T. stark in ihrer sozialen ethnischen und kulturellen Herkunft. – Eltern arbeiten vorübergehend auf La Réunion, stammen ursprünglich aus der „métropole“ (Mutterland Frankreich). – Eltern sind z.T. „créoles“. – Eltern leben z.T. getrennt. – Eltern sind z.T. streng und erlauben ihren Kindern vergleichsweise wenig. – Gasteltern wohnen unterschiedlich „komfortabel“, d.h. bisweilen in den Bergen auf fast 800m Höhe, bisweilen direkt am Strand des Indischen Ozeans. • Ein(e) Austauschschüler(in) passt sich den jeweiligen Gegebenheiten an und fügt sich in den Tagesrhythmus ihrer/seiner Gastfamilie ein. Eigene Ansprüche werden für den Zeitraum des Besuchs zurückgestellt. Unternehmungen der Gastfamilie haben Vorrang und werden akzeptiert. Ein Anspruch, andere deutsche Austauschschüler/innen täglich zu treffen, besteht nicht. Die Gastfreundschaft der aufnehmenden Familien darf nicht überstrapaziert werden. • Bei einem Aufenthalt von 3 Wochen auf La Réunion dauert die Phase der Eingewöhnung ca. 4-5 Tage. Das Gefühl, nach 2-3 Tagen in ein „seelisches Loch“ zu fallen, sollte bewusst wahrgenommen werden und nicht äußeren Umständen oder der Austauschpartnerin/dem Austauschpartner zugeschrieben werden bzw. eines fehlenden „Sich Kümmerns“.Es setzt sich zumeist aus einer Vielzahl von Faktoren zusammen (Heimweh; als unzureichend eingeschätzte Sprachkenntnisse; mangelnde Bereitschaft zu kommunizieren; Missverständnisse; Eindruck, dass andere „Deutsche“ es vermeintlich besser getroffen haben, da ihre Gastfamilien z.B. einen Swimmingpool haben). •In allen Gastfamilien wird französisch gesprochen, in vielen aber auch „créole“ untereinander. Es ist notwendig, mit der Fremdsprache offensiv umzugehen, sich zu trauen. Es ist allemal besser, „holprig“ zu sprechen als jeder Kommunikation aus Scheu, Fehler beim Sprechen zu machen, aus dem Wege zu gehen. Wer sich (sprachlich) zurückzieht, der vereinsamt und steigert sich in ein „seelisches Tief“. •Die kreolische Küche besteht immer aus Reis und einem „rougail“ oder „cari“. Mahlzeiten sind ein wesentlicher Bestandteil des täglichen Lebens. Die Neugier und der Wille, neue Essgewohnheiten kennen zu lernen, sind unabdingbare Voraussetzungen für eine Teilnahme am Austauschprogramm. •Zwei erforderliche Eigenschaften für die erfolgreiche Teilnahme sind Offenheit und Toleranz in unterschiedlichen Bereichen. Als Gastschüler/in wird von mir erwartet, dass ich mich offen und tolerant zeige in Bezug auf -andere Lebensweisen, -Anliegen und Interessen anderer, -andere Sichtweisen bestimmter Dinge, -eine vorübergehende Zurückstellung persönlicher Interessen. -Die Erfahrung persönlicher Grenzen ist ein wesentlicher Bestandteil des Austauschprogramms. Seine eigenen Frustrations- und Toleranzschwellen kennen zu lernen und auszuloten, sein eigenes Anspruchsdenken zu hinterfragen sowie bisher nicht gekannte Lebensgewohnheiten und familiäre Verhältnisse als anders wahrzunehmen, ohne sie ständig mit den eigenen zu vergleichen und zu kritisieren – das sind soziale Kompetenzen, die auch für den weiteren Lebensweg gewinnbringend sein werden. Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern, dass sie im Laufe ihres Schullebens an der einen oder anderen Austauschmaßnahme teilnehmen können, denn ein Aufenthalt in einer Gastfamilie und die Aufnahme einer Gastschülerin/eines Gastschülers bereichert und erweitert den eigenen Horizont und fördert in beträchtlichem Maße die Persönlichkeit. Peter Rohlf, OStR

Peter Rohlf, OStR